Reportagen 2006     Fotos     Erg.Rennen     Erg.Zeitfahren     Bericht
Weltmeisterschaft Aigle / Schweiz 2006
Dorothee Vieth
Bericht in Form eines Tagebuchs
Vorgeschichte oder Was bis dahin passiert ist

 
Dienstag, 12.8.06, im Zug von Hamburg Altona kurz nach der Abfahrt. Ich (Dorothee Vieth) fahre zur WM! Und wer ist Schuld? Letztlich doch Jörn. Das ganze nimmt doch seinen Anfang im letzten Sommer, als Jörn mich just in dem Moment zum gemeinsamen Training einlädt, als ich mir ein Racebike vom Reha Team ausgeliehen habe. Oder ist Christiane Schuld, die, als ich im Oktober 05 beim Marathon in Frankfurt gerade mal den dritten Platz gemacht habe, meinte: Ach, Peking 2008, das wäre doch schick. (Ja, ich glaube, sie wählte genau diese Worte.) Oder vielleicht doch Stefan, der beim Training immer ankündigt, wir fahren heute ganz ruhig, höchstens GA1, und dann scheucht er mich von Bushaltestelle zu Bushaltestelle. Oder Clemens vom Reha Team der irgendwann Anfang 2006 meinte, sie würden mich gerne sponsern, oder Sonderbauer Holger, der immer an meinem Bike herumtüftelt. Oder, oder… sie alle haben ihren Anteil. Ich habe natürlich auch etwas dazu beigetragen, dass ich jetzt im Zug nach Lörrach sitze, um dann morgen mit dem Auto bis Aigle zu fahren. Als erstes habe ich eine ausreichend große Zahl an Pässen, Lizenzen und Gesundheitsnachweisen gesammelt; dann habe ich begonnen, mich in Trainingspläne einzudenken (alleine schon diese ganzen Buchstabenkombinationen: KB, EB, HF, TF…) ; ich hab gelernt, bis 52 zu zählen, um mich mit den Kumpels über mein großes Kettenblatt unterhalten zu können; ich habe meine nächtlichen Aktivitäten (das Bier nach der Orchesterprobe - Anmerkung der Redaktion) zu Gunsten morgendlicher Trainingsrunden eingeschränkt; ich lerne die Lage selbst kleinster Orte in Deutschland und Teilen Europas kennen, um an Rennen teilzunehmen; ja, und ich lasse mich davon motivieren, dass eigentlich alle meine Freunde sich mit mir für meinen Sport begeistern. Und so ist es dann irgendwie gekommen, dass ich schnell genug war, um für diese WM nominiert zu werden. Und da fahre ich nun hin.

Anreisetag und der Tag vorm ersten Rennen

Als Unterkunft hat der Kromer Adelbert (Bundestrainer) für das Team ein Hotel in Martigny gefunden. Da Martigny südlich von Aigle liegt, wollten wir zunächst am Centre Mondial Du Cyclisme in Aigle anhalten, weil ich noch die Internationale Klassifizierung brauchte. Anschließend schon mal die Strecke inspizieren, und dann am nächsten Tag ausruhen und eine gute Vorbelastung fürs Einzelzeitfahren. So unser Plan, aber die Klassifizierung hat das alles durcheinander gebracht. In der gesamten Klasse FC, zu der ich gehöre, gab es Unsicherheiten und Unklarheiten. Von Ruhe, vor allem innerer, konnte keine Rede mehr sein. Dass wir, obwohl von Anreise bis 14.00 Uhr die Rede war, erst gegen 15.30 Uhr im Hotel aufs Zimmer konnten, war eins der Details, die den Ruhezustand weiter verschlechterten. Um nicht ausufernd zu werden, will ich nur knapp zusammenfassen: Hotel gefunden, Klassifizierung und Trikot in Nationalfarben erhalten, Stündchen geradelt. Die Strecke erweist sich als heikel mit zwei Hundertachtziggradkurven, teilweise nur zwei Meter Breite, etlichen Schlaglöchern, garniert mit Pferdeäpfeln und Rollsplitt. Aber die Schweizer gelten ja als korrekt, die fegen bestimmt noch.

Freitag, 15.9.06, erster Wettkampftag: Einzelzeitfahren

Alle Frauen starten. Die Schweizer haben gefegt. Morgens gibt es an der technischen Kontrolle der Handbikes großen Verzug. Die Commissaire (wie schreibt man das?) fangen erst etwa 25 min vor den ersten Starts an, den Abstand der Hinterräder (IPC-Regel: mindestens 60 cm) und bei den Liegebikern den Winkel der Rückenlehne (IPC-Regel: mindestens 45 °) zu messen. Beim Radabstand geht es meistens reibungslos, hier erwischt es einen Amerikaner. Die Sache mit der Rückenlehne ist schwieriger: Keiner der Verantwortlichen scheint auf Anhieb genau zu wissen, wie genau der Winkel zu ermitteln ist. Wo wird das Messwerkzeug angelegt? Schon am Vorabend hatte es, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass der Winkel kontrolliert würde, viele Veränderungen an Bikes aus vielen Ländern. gegeben. Athleten, die sich in jahrelanger Kleinarbeit an die für sie persönlich beste Sitzposition herangearbeitet hatten und so trainiert haben, mussten plötzlich in ergonomisch deutlich ungünstigeren Positionen sitzen. Letztendlich wird ein deutscher Athlet disqualifiziert. Komisch, das Ganze. Regeln muss es geben, und das mit den 45° ist auch seit Jahren hinlänglich bekannt. Aber wo wie gemessen wird, war nicht bekannt, und dass die Commissaire bis an den Start heran von außen betrachtet offenbar auch nicht damit zurande gekommen sind, das kommt einem nicht richtig vor. Nach der Kontrolle der Start, die Frauen sind als letzte dran. Dorothee ist total aufgeregt, Andrea, die auf Gold fahren will, auch. Christiane fragt Dorothee:" Na? Musst du pinkeln?", eine Frage, die sonst vor jedem Rennen mit Jaaaa beantwortet wird. Diesmal die Steigerung: "Ich muss alles." Soviel zum vegetativen Nervensystem… Am Start werden die Räder noch mal sorgfältig mit Tempotaschentüchern von einem Offiziellen abgewischt, ein bisher unbekannter Service. Dann läuft der Countdown, und los: Unter Anfeuerungsrufen des deutschen Teams langen unsere Mädels in die Kurbeln. Dorothee hatte angesichts der starken Konkurrenz den fünften Platz im Visier. Der vierte galt für sie als Luftschloss. Am Ziel ist mir beim Blick auf die Uhr gleich klar, dass Andrea ihre Hauptkonkurrentin geschlagen hat. Dorothee rauscht erstmal mit beängstigend lautem Keuchen hinter dem Ziel ein bisschen weiter, um langsam runterzukommen. Dann stehen wir alle da und versuchen den Sprecher zu verstehen. Der Hund von Andreas Mutter tut alles, dass wir nichts verstehen, aber bei der dritten moderierten Sprache wird klar: Andrea ist Weltmeisterin!!! Und Dorothee holt Bronze!!! Sowas! Die Siegerehrung war stilvoll, es gab aus deutscher Sicht noch einen Handbiker-Erfolg: Max Weber aus der Division B der Männer holt Silber. Zusammen mit den medaillenreichen anderen deutschen Radsportlern liegt Deutschland auf Rang eins im Medaillenspiegel!

Der Tag zwischen den beiden Rennen

Als Allererstes ist Ausschlafen angesagt, denn unsere Starts am Vortag waren ab 9.00 Uhr. Danach haben wir zur Abwechslung ein wenig im Zimmer rumgelungert, bevor wir für eine leichte Trainingseinheit nach Aigle rüber gefahren sind. Dort haben wir erstmal eine Siegerehrung mit deutschem Gold mitgenommen, und ich habe das Sportlermittagsmenu weggespachtelt. Danach aber bin ich wirklich ins Bike, um die Strecke für das Straßenrennen abzufahren und Muskeln und Lunge ihre eigentliche Aufgabe in Erinnerung zu rufen. Das interessanteste, was die Strecke bietet, ist die Brücke gut einen Kilometer vor dem Ziel. Hier kann vielleicht die ein oder andere abgehängt werden. Nach drei Runden gehe ich zur Bikepflege über, und nach einem wunderschönen Spaziergang auf der Promenade von Montreux fahren wir wieder nach Martigny. Christiane hatte mich auf der ersten Runde mit dem Fahrrad begleitet und dabei festgestellt, dass mein eines Hinterrad eiert. Am Hotel sehe ich Guido Neri, den Zweiradmechaniker des Teams, und spreche ihn gleich darauf an. Was ich als eierige Beule beschreibe, diagnostiziert er gleich als Karkassenbruch. Den habe ich mir wohl in einem der Schlaglöcher der Strecke des Einzelzeitfahrens geholt. Gut, dass Christiane das gesehen hat. In Nullkommanichts wechselt Guido den Reifen - ich schaffe es kaum, noch eine Prise des von Stefan empfohlenen Babypuders beizugeben. Sicherheitshalber fahre ich noch ein paar Meter, alles in Ordnung, der nächste Tag kann kommen.

Sonntag, 17.9.06, das Straßenrennen

Wir Mädels und die Jungs aus der Division A müssen schon um 8.30 Uhr ran. Anständige Menschen schlafen um die Uhrzeit. So auch der Bäcker und die Frühstücksmademoiselle. Blöd, wenn das Hotel zugesagt hat, dass es Frühstück ab 6.00 Uhr gibt. Wie auch immer der dahin gekommen ist, Kaffee steht schon auf den Tischen - das ist aber außer Fabrikkonfitüre auch das Einzige. Kurz entschlossen entert Christiane die untere Küche, wo um Viertel nach die Croissants eingetroffen sind, um Andrea, Andreas und mich zu versorgen. Zur gleichen Zeit dringt Amira in die obere Küche vor, und holt Milch aus dem Kühlschrank. So können wir dann schon mal beginnen, bis kurz vor Halb auch die Frühstücksmademoiselle auftaucht. Die scheint die Situation allerdings nicht im Entferntesten zu erfassen. Anstatt zunächst uns Brot, Wurst und Käse zu bringen, und sich dann um die Gedecke der später zu Erwartenden zu kümmern, beginnt sie stur mit ihrer Routine. Erstmal wird an allen ca. 50 Plätzen Saft eingegossen. Dann muss an jeden Platz ein Croissant… Das macht sie solange, bis mir der Kragen platz und ich sie kurz, aber energisch, mit einer erlesenen Zusammenstellung französischer Worte angifte. Dann kriegen wir tatsächlich Brot und Aufschnitt und können richtig frühstücken. Inzwischen ist es höchste Zeit, los zu fahren. Jedes Ding hat zwei Seiten, und so gibt es auch hier positive Aspekte: Es regnet so doll, dass es eine Sau graust. Da wir erst mit fast 45-minütiger Verspätung loskommen, muss ich gar nicht erst mit mir ausdiskutieren, ob längeres als kurzes Einfahren gut wäre. Dann sind wir in Aigle, es schifft fröhlich vor sich hin (später beim Rennen wird es sich zeitweise wie radeln in der Badewanne anfühlen), und dann kommt der Startpfiff. Es geht schnell weg von der Startlinie, Laura versucht weg zu kommen, was ihr aber nicht gelingt, und bald formiert sich die Reihe. Mein erstes Ziel habe ich erreicht: Ich bin dran. Was dann folgt, ist ein taktisches Rennen, wie ich es bisher noch nicht kannte. Schon bald versucht Laura, die hinter ihr fahrende Andrea in die Führung zu zwingen, was ihr aber nicht gelingt. So bleibt sie vorne und kriegt von ihrer Landsfrau Monique, der Mitfavoritin auf Gold, genaueste Anweisungen fürs Tempo zugebrüllt. Nach der ersten von drei Runden kann Laura sich aus der Führung rausmanövrieren, und jetzt führt gar keine mehr. Wir fahren im Plaudertempo, uns argwöhnisch beäugend, nebeneinander her. Mir wird es irgendwann schlichtweg zu kalt, und so gehe ich im zumeist lockeren GA2-Tempo nach vorne. Andrea soll sich gerne hinter mir einreihen. So gehen wir zu siebt durch die zweite Runde, und ich bin wohl die einzige, die noch nicht schlottert. In der dritten Runde schiebt sich auf einmal Catherine nach vorne und damit kommt wieder Bewegung in die Gruppe. Kurz vor der finalen Brücke schlage ich Andrea vor, das Tempo anzuziehen, damit uns etwas wärmer wird. Durch das hohe Tempo löst sich auf der Brücke die Gruppe auf, die beiden Favoritinnen und Jessica können sich absetzen und werden die Medaillen einfahren. Ich habe auf der Brücke einen kleinen Hänger, aber dann lange ich noch mal in die Kurbeln und fahre letztlich sicher auf den vierten Platz. Andrea hat leider kein zweites Gold geschafft, Monique konnte sich auf den letzten Metern noch an ihr vorbei schieben. Mein Glückwunsch nach Holland noch mal an dieser Stelle. (Andrea bleibt für mich trotzdem die Größte!) Bronze ging an die Schwedin. Danach gab es nur noch eine Frage: Wie werde ich wieder warm?! Es regnete nach wie vor ununterbrochen. Duschen wäre das beste, warmer Tee hätte auch geholfen, wenn es den denn gegeben hätte, aber ich wollte gerne die Rennen der B- und C- Männer sehen, und so haben wir unser Auto direkt an die Absperrung gefahren und von dort das Rennen verfolgt. Das hat sich alle mal gelohnt, zumal die Jungs drei Medaillen geholt haben. Heribert Silber in der Div. C, Stefan und Max Gold und Silber in der Div. B. Dabei verfehlte Tobias dort nur um Reifenbreite Bronze. Das war schon klasse.

Montag, 18.9.06, Rückfahrt

Ich sitze jetzt wieder im Zug, heute logischerweise Richtung Norden. Da die Bahn ja sehr zukunftsorientiert ist, gibt es hier auch Strom fürs Notebook und so habe ich eine Beschäftigung für die Nacht. Jörn freut sich doch immer so, wenn wir neben Fotos auch mal einen Bericht für Handbikesport.de haben. Da muss ich die Chance der Nacht nutzen. Morgen lauert schon wieder die Arbeit. Christiane wird gleich in die Schule weiterfahren; sobald ich zu Hause bin, wird es klingeln und die erste Schülerin steht vor der Tür. Und dann wird mich der Alltag ganz schnell wieder haben. So ist das. Meine erste WM ist vorbei, und sie ist für mich von den Ergebnissen her super gelaufen. Eine Bronzemedaille und ein vierter Platz - das ist mehr, als ich mir je ausgerechnet habe. Oder, wie Stefan sagt, alles richtig gemacht.