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Europameisterschaft Louny / Tschechien
Dorothee Vieth
EHF European Handcycling Championchip 2006 in Louny (CZ)
Eine Nacht auf dem Supermarktparkplatz

Am Wochenende 1./2.7.2006 stand ein Ausflug nach Tschechien auf den Programm: Europameisterschaft der EHF. Am Samstag Vormittag ein Einzelzeitfahren, nachmittags ein Kriterium und Sonntag Vormittag ein Teamzeitfahren. Da Louny bekanntlich nicht direkt vor Hamburgs Toren liegt und ich doch einigermaßen ausgeschlafen an den Start gehen wollte, haben wir also unsere Arbeit umorganisiert und sind Freitag Vormittag los. Grober Zeitplan: Ganz glatt durchkommen und spätestens zur zweiten Halbzeit des WM-Viertelfinalspiels Argentinien-Deutschland vorm Center for the disabled stehen, wo wir im Auto übernachten wollten, und auf dem kleinen Reiseferni im Auto (my car is my home is my castle) mitfiebern. Natürlich klappte das mit dem Glattdurchkommen nicht und so schritt die Spielzeit immer weiter fort und der Radioempfang hinter der tschechischen Grenze wurde mit jedem Kilometer schlechter. Bis dann etwa Mitte der zweiten Hälfte der Verlängerung nur noch tschechische Sender zu empfangen waren, die allesamt keinen Fußball übertrugen - hätten wir aber auch nicht verstanden. So hatten wir nicht gewettet, aber wir kamen doch noch so zeitig in Louny an, dass ich mich anmelden und zur Bikekontrolle konnte. Wie gut, denn am Samstag war dort eine lange Schlange, das wäre nicht das optimale Warmmachen für mich gewesen. Nun galt es nur noch zu klären, wo dieses Center war. Wir hatten Radovan (Radovan Sabata, Hauptorganisator des Events) so verstanden, dass wir auf den Parkplatz können und das Haus (das Klo!) die ganze Nacht offen sei. Das hatte man tschechischerseits anders verstanden, wir könnten schon dort stehen, aber das Gebäude wäre verschlossen. Dafür konnten wir uns aus klotechnischer Sicht wenig begeistern, und da Christiane hartnäckig war, fand man schließlich eine Möglichkeit, die Toilette dort doch über Nacht offen zu lassen. Gegen 22.00Uhr wurden wir von einer Dame hingebracht, die extra noch - weil sie nur Tschechisch sprach - von einer Dolmetscherin begleitet wurde. Damit war nach der anfänglichen Irritation ein guter Eindruck bei uns hinterlassen, der sich bis zum Sonntag nur noch vertiefte.

Am Samstag Morgen hatte ich wenig Stress, da wir nur einen kurzen Anfahrtsweg hatten und ausreichend Parkmöglichkeiten rund um das Start-/Zielgelände vorhanden waren. Wir wählten ein Plätzchen auf dem Parkplatz des Billa Supermarkt, der sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Fahrerlager entwickelte. Manch ein Supermarktkunde war da im Laufe des Tages sichtlich irritiert. Bike ausladen, zusammenstecken, mit einigen anderen Fahrern schon mal ein paar Worte wechseln, in Ruhe warmfahren. Und natürlich ganz oft zum Klo. Auch da eine positive Überraschung: Man kann (was ich schon immer geahnt hatte) auch vier Dixi-Rollstuhlfahrerklos nebeneinander stellen. Bei manch anderer Veranstaltung hat man ja doch den Eindruck, da dürfe (aus Datenschutz- oder patentrechtlichen Gründen???) nur eines, allerhöchstens zwei stehen.

Dann ab 10.00 Uhr der Start zum Einzelzeitfahren in der Reihenfolge A, F, B, C. Vorher waren bereits Inliner und Scooter auf die Strecke geschickt worden. Dass Inliner manchmal mit uns die Rennen fahren, weiß man ja inzwischen. Auch Einräder sind aus Düsseldorf ein bekannter Anblick. Aber Scooter? Ob das die Spaßroller mit den kleinen Skaterrollen sind? Und damit 17 km? Nun, so einen habe ich nicht gesehen, aber zwischen Reifengröße 14' und 26' wohl alles. Der Roller eines Mannes sah so aus, als hätte er den seinem kleinen Sohn geklaut. Aber zurück zu den Handbikes.

In meiner Division, FC, war Platz eins ganz klar: Andrea Eskau. Aber auf Platz zwei hattte ich mein Auge geworfen, wobei mit Laura De Vaan eine gleich starke Konkurrentin am Start war. Es galt also mehr als alles zu geben. Die Strecke ist 16,9 km lang, im Ort Louny wellig, mit zwei Wendestellen, die aber nicht zu eng gelegt sind. Zum Glück war am Samstag bei strahlendem Sonnenschein auch nur mäßiger Wind und meine Muskeln und Lunge in einer guten Verfassung; so kurbelte ich mich ca. eine halbe Minute schneller als Laura ins Ziel und damit ans Ziel meiner Frühjahrsträume: Vizeeuropameisterin im Einzelzeitfahren. Wow! Damit konnte ich den Rest des Tages entspannt angehen.

Nach einer Dusche im am Platz liegenden T-Mobile Gebäude (leider nur für die nutzbar, die mit einer Duschwanne zurecht kommen) haben wir erst mal die Atmosphäre auf dem Festplatz genossen. Dort spielten bereits ab Freitag verschiedene Bands, keine einzige Musik aus der Konserve. Bereits ab dem Morgen war ein Grill mit leckerem Fleisch in Betrieb, und das gute tschechische Bier gab es natürlich auch. Für das Kriterium am Nachmittag habe ich mich dann intensiv statt mit vielen Runden im Bike (bei geschätztern bruttigen 41°C in der Sonne) bei einem Mittagsschläfchen im Auto aufgewärmt (My Auto is my bed - bei geschlossenen Fenstern geschätzte Innentemperatur 61°C.). Sicher eine ungewöhnliche Methode, aber auch die konventionelle hätte mir an diesem Nachmittag nichts genützt. Laura war gut drauf und fuhr letztlich ungefährdet auf den zweiten Platz. Den ersten hatte sich natürlich wieder Andrea geholt.

Wie schon am Vormittag war die Nachzielverpflegung sehr gut und nett. Schneller als ich trinken und vor allem essen konnte, wurden mir Becher mit Getränk in drei verschiedenen Farben und kleine Schälchen mit einem Sortiment von Rosinen, Apfel- und Apfelsinenspalten, Banane und Müsliriegelstücken angeboten. Außerdem Portionen von Dosenobstsalat und Schokolade. Mit uns gemeinsam waren die A-Männer unterwegs und erst als wir fertig waren, wurden B und C gestartet. So konnte ich hier nun noch zuschauen. Mussten wir die 2,3 km lange Runde noch 40 Min. plus eine Runde fahren, waren für die Divisionen B und C 60 Min. plus eine Runde angesetzt.

Um 19.30 Uhr dann die Siegerehrung. Mit Podesten. Mit Rampen! Das habe ich noch nicht erlebt. So eine Siegerehrung für zwei Rennen mit sieben Wertungen zieht sich ja hin. Aber auch hier hatte man die Sache rationell organisiert, dazu eine knappe Moderation mit Übersetzung. Und auch bei den ehrenamtlichen Helfern sowie dem Hauptorganisator Radovan hat man sich bedankt. Das war für mich eine runde Sache. Anschließend war dann Pasta (die sich als üppiges Büffet entpuppte) und Party angesagt. Für uns stellte sich jetzt die Frage: Wo stehen wir heute Nacht? Wir wollten beide gerne noch ein Bierchen trinken und dann am Sonntag noch beim Teamwettbewerb zusehen. Für noch eine Nachtöffnung beim Center mochten wir nicht nachfragen. Wir wollten die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht überstrapazieren. Und so sind wir zu unserer ersten Nacht auf einem Supermarktparkplatz gekommen. Da die Dixiklos in einem akzeptablen Zustand waren, blieben wir einfach stehen, wo wir standen. Wir haben bestens geschlafen, und die Toiletten waren morgens bereits gereinigt (extra für uns?). Am Sonntag haben wir dann beim Teamzeitfahren zugesehen. Wer immer wollte, hatte sich als Team zu dritt oder viert zusammentun können unter Beachtung einiger Regeln, was die Divisionen angeht. So musste entweder ein A-, ein B-Fahrer oder eine Frau dabei sein und auch mit ins Ziel kommen. Drei Fahrer wurden gewertet. Wie schon m Samstag herrschte strahlender Sonnenschein, allerdings blies ein heftiger, in Böen stürmischer Wind. So doll, dass ständig Werbeplakate und Absperrungen umfielen. In den gefahrenen Zeiten der Teams spiegelte sich das dann auch wieder, denn eigentlich hätte man gegenüber dem Einzelzeitfahren schnellere Zeiten erwartet, da ja Windschatten gefahren wurde.

Ich bin ja in meiner bisher noch kurzen "Karriere" noch nicht so viele Rennen gefahren, aber dies hat mir bisher auf alle Fälle am besten gefallen, weil es so liebevoll und sorgfältig organisiert war. Und den weiten Weg gleich für zwei bis drei Wettbewerbe zu machen, lohnt sich auch viel mehr.