23. Internationale Korschenbroicher City-Lauf / reha team West & Otto-Bock-Trophy 2011

Vico Merklein wie einst "Juri" unterwegs

Fast auf den Tag genau 50 Jahre nachdem mit Juri Gagarin dem ersten Menschen ein bemannter Weltraumflug gelang, zischte beim Korschenbroicher City-Lauf ein "orange-blauer Sputnik" über den Asphalt

Aber der Reihe nach. Traumhaftes Frühlingswetter, 3420 "Finisher" und Tausende von begeisterten Zuschauern machten den 23. Internationalen Korschenbroicher City-Lauf zu einer Rekord-Veranstaltung. Mittendrin im sportlichen Happening die Handbiker, die sich bei der 8. reha team West & Otto Bock-Trophy von der tollen Atmosphäre tragen ließen. Durch den früheren Termin avancierte die Trophy zurück zu einem echten Frühjahrsklassiker vor den großen Marathons und dem EHC-Opening von Rosenau. Tags zuvor noch hatte Rennleiter Holger Falk per Handbike eigenhändig die neue Zeitmessanlage auf Herz und Nieren geprüft und siehe da: Zwölfmaliges Überqueren der Zeitmatte führte auch zwölfmal zum gewünschten Ergebnis, so dass sich der 46-jährige vom reha team West bereits am Treffpunkt-Parkplatz ein augenzwinkerndes "Jungs, heute bleibt der Zielfilm eingepackt" nicht verkneifen konnte. Und er sollte recht behalten.

An der Startlinie tummelte sich ein illustres Teilnehmerfeld. Mit Titelverteidiger Jetze Plat, Roel Bruijn, Johan Reekers, Tim de Vries und Matthijs Plat starke H4-Fahrer, die auf dem anspruchsvollen Kurs traditionell schnell unterwegs sind. Aufgrund der Vorjahresergebnisse schien allerdings Torsten Purschke nicht chancenlos zu sein, musste sich der Chef des Otto Bock-Teams doch als H3-Fahrer und Liegebiker zuletzt nur hauchdünn geschlagen geben. Dahinter u. a. mit Patrick Gabriel, Olaf Heine, Tobias Knecht, Ulli Freitag und Debütant Mischa Hielkema starke H2- und H3-Athleten. Und Vico Merklein? Der dehnte kurz vor dem Startschuss ganz entspannt die Schultergelenke und übte sich zunächst in Zurückhaltung, konnte der Marathon-Weltrekordhalter den vorangegangenen Trophys doch zu selten seinen Stempel aufdrücken. Dann allerdings kam nach der künftig obligatorischen Einführungsrunde alles anders.

Bereits wenige Sekunden nach dem Start signalisierte der langgestreckte Arm von Jetzte Platz: "Nichts geht mehr!" Ein Riss der Kette bereitete dem Traum vom erneuten Titel für den 20-jährigen ein jähes Ende. Schade, so blieb dem Niederländer fortan nur die Rolle des Zuschauers. Hierbei fiel auch ihm ins Auge, dass die Spitzengruppe eben nicht nur aus den H4-Fahrern plus Purschke bestand, sondern auch Knecht, Hielkema und Merklein gehörig Druck ausübten. Gerade Tobias Knecht schien sein gutes Saisondebüt von Lanzarote bestätigen zu wollen, so offensiv hatte man den 38-jährigen vom Otto Bock Team schon lange nicht mehr am Niederrhein erlebt. Aber leider blieb Jetze Plat nicht der einzige Pechvogel an diesem Tage. In aussichtsreicher Position liegend geriet Knecht in der dritten Runde mit dem linken Bein aus der Halterung, zog sich eine Schürfwunde zu und konnte sich nur mühevoll wieder in seiner Rennmaschine positionieren. „So ein Mist“, haderte der 38-jährige anschließend, „ich fühlte mich wirklich super, aber der dadurch entstandene Abstand ließ sich einfach nicht mehr zufahren“.

Ähnliches werden kurz darauf wohl auch die H4-Fahrer empfunden haben, denn es entwickelte sich ein völlig überraschender Rennverlauf. Ab der vierten Runde nutze Vico Merklein die Schussfahrt auf der Hindenburgstraße und setzte sich an die Spitze. Dies alleine vermochte noch nicht wirklich zu überraschen, schien sich der 32-jährige vom Team Sopur doch zunächst einfach nur besser als sonst in Korschenbroich verkaufen zu wollen. Blieb der Verfolgerpulk in der fünften Runde auch zumindest noch in Reichweite, so fuhr Merklein seine Gegner anschließend in Grund und Boden, begleitet von einem begeistert mitgehenden Publikum. Reekers, Plat, Bruijn, de Vries und Purschke mühten sich redlich, aber Merklein blieb unwiderstehlich und baute seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Glatte 20:34,00 Minuten zeigte die Uhr nach neun Runden,  das Verfolgerfeld lieferte sich über dreißig Sekunden später einen harten Kampf um Plätze und Prämien. Routinier Johan Reekers sprintete als Zweiter des Gesamteinlaufs über die Zielmatten und bemerkenswert, dass es Torsten Purschke einmal mehr gelang, den H4-Fahrern Paroli zu bieten und als Dritter zu finishen. Gefolgt von Bruijn, Plat und de Vries.

Nicht zu vergessen Mischa Hielkema, der die H2 in guten 21:44,40 Minuten für sich entschied, gefolgt von Tobias Knecht, der sich trotz seines Missgeschicks Platz zwei sichern konnte. Erwähnenswert auch der dritte Rang von Ulli Freitag (22:50,30 Minuten), gemeinsam mit Friedhelm Müller und Torsten Kreutz die Farben des neuen Teams Medica-Kleinwiedenest vertretend. Letztgenannter teilte allerdings das Schicksal manch eines Debütanten, der den rasanten Angriff auf die berüchtigte Linkskurve nach dem Start mit einem Sturz bezahlen musste. Dieser verlief allerdings glimpflich und spätestens als Torsten kurz vor der Siegerehrung sein nach diesem „Flug“ verlustig gegangenes Hörgerät zurückerhielt, war auch für ihn der Tag gerettet.

In der H1 siegte Raphael Blaise vor dem Niederländer Willem Takke und Georg Drees. Über Blumensträußen freuten sich indes die beiden Damen des Starterfeldes. Katja Oemmelen von der BSG Mönchengladbach gewann in 31:30,00 Minuten vor Svetlana Moshkovich (31:52,30 Minuten), die sich nach ihrem Reifenproblem aber bereits auf eine Revanche freut.

Was bleibt: Zufriedene Gesichter und Vorfreude auf weitere Saisonhöhepunkte, innerhalb derer die Stundenschallmauer auf der Marathondistanz tatsächlich fallen könnte. Die 9. reha team West & Otto Bock – Trophy in Korschenbroich startet im paralympischen Jahr voraussichtlich am
15. April 2012.