Reportagen 2007     Fotos     Bericht
Beirut Marathon / Libanon 2007
Thomas Lange
Großzügige Preisgelder und erstklassiger Unterkunft

Am 18. November fand dieses Jahr wieder der Beirut-Marathon statt. Obwohl sich der Veranstalter große Mühe gibt, Handbiker zu gewinnen, war die internationale Beteiligung dürftig. Aus Deutschland kamen Vico Merklein und ich (Thomas Lange), Ali Alsaadi startete für die Arabischen Emirate und Antoine Aoun für Frankreich. Herausragende Erscheinung war wieder Edward Maalouf, der zumindest bei den Kennern der Szene zum Nationalhelden avancierte. Da Spaß wichtiger ist als Luxus, haben wir auf die vom Veranstalter bezahlte Unterkunft im Radisson, einem 5 Sterne Hotel, zu Gunsten einer 4er Chaoten-WG in Edwards Wohnung verzichtet. Edwards Bruder George hatte jeden Tag alle Hände voll zu tun, unsere Handbikes zu transportieren, wofür ihm großer Dank gebührt. Das Training fand wie immer in der Nähe des Hafens bei blauem Himmel und 28 Grad statt. Am Sonnabend gab´s einen Presse- und Fototermin im Radisson mit anschließendem Essen. Vico muss im letzen Jahr fleißig gewesen sein, nicht nur was den Sport betrifft; Wenn´s so weitergeht, macht er nächstes Jahr seine Interviews ohne Übersetzer. Congratulation Vico.. Allerdings fällt für mich dann die Möglichkeit weg, auch mal was sagen zu dürfen Am Sonntag saßen wir bereits um halb vier beim Frühstück, eine Leistung, die zumindest was meine Person betrifft, nicht genug gewürdigt werden kann. Irgendwie hatte niemand von uns geschnallt, wann die Sonne aufgeht, und so saßen wir dann über eine Stunde im Dunkeln im Auto und warteten auf ein erhellendes Zeichen aus Osten. Mit den ersten Sonnenstrahlen konnten wir endlich mit dem Warmfahren beginnen. Andererseits bot unser frühes Erscheinen eine reelle Chance eine der beiden aufgestellten Toiletten benutzen zu können. Eine Toilette war rollstuhlgerecht. Das macht, wenn ich richtig rechne, immerhin 50 Prozent. Wo findet man so eine großzügige Quote schon in Deutschland? Pünktlich um 6:50 Uhr fiel der Startschuss für die Handbiker und Rollifahrer. Im letzten Jahr hatte ich mich verfahren und kam erst nach 70 km halb mumifiziert (da ich nie eine Trinkflasche beim Wettkampf mitnehme) im Ziel an. Auf diese Art Stadtrundfahrt hatte ich dieses Jahr überhaupt keine Lust. Die beste Möglichkeit, diesmal einem ähnlichen Desaster zu entgehen, war, an Edward und Vico dran zu bleiben, was mir auch gelang. Erschreckender Weise faselten beide im Vorfeld etwas von neuem Streckenrekord und von unter eins zehn. Worte wie "besser als Köln" fielen und ich fragte mich, ob ich wohl im richtigen Film bin. Es zeigte sich dann aber, dass sowohl der Streckenverlauf als auch das Höhenprofil nicht annähernd eine solche Zeit zuließen. Fünf Kilometer vor dem Ziel distanzierte sich Edward. Vico ließ ihn gewähren und ich zog es kreislaufbedingt vor, bei Vico zu bleiben. Merkwürdiger Weise zeigten unsere beiden Zähler im Ziel 1,5 km zu viel an, während Edwards Zähler genau die Marathonstrecke angab. Irgendwo auf den letzten Kilometern, die anderen waren wir ja mit Edward zusammen gefahren, müssen wir eine Schleife gedreht haben. Verstehen kann man das nicht. Die Siegerehrung fand erst nach Abschluss des gesamten Marathons, also nach Einlauf der 20.000 Läufer statt. Eine sinnvolle Regelung, da sie dann nicht als Pflichtveranstaltung in irgendeiner Schmuddelecke sondern vor laufenden Kameras zusammen mit den Läufern erfolgte. Ein arabisches Kindertanzprogramm rundete die Zeremonie ab. Am Abend fuhren wir dann, wie letztes Jahr auch, aufs Land zu Edwards Schwester, die uns mit einem typischen libanesischen Essen beglückte. Am Montag ging es zum Abschluss ins Mövenpick-Hotel wo der Veranstalter die besten Läufer und alle Handbiker zu einem ähnlich üppigen Mahl eingeladen hatte. Die Medien berichteten übrigens ausführlich über den Wettkampf und über die Handbiker. In mindestens drei Zeitungen und im arabischen Fernsehen wurden Edward, Vico und ich gezeigt. Man wird schon ganz eingebildet.

Epilog

Schade ist, dass der Beirut-Marathon seitens der Handbiker so wenig Resonanz bekommt. Und dies trotz großzügiger Preisgelder und erstklassiger Unterkunft. Dieses Jahr war nicht eine Frau am Start. Andrea Eskau, die ursprünglich kommen wollte, war zwar sportiv verhindert, aber sie ist ja nicht die einzige deutsche Fahrerin, wenn auch die Beste. Freie Unterkunft, 100 Dollar Reisekostenzuschuss plus 1500 Dollar Siegprämie sind offenbar immer noch nicht genug, ein 400 Euro Flugticket nach Beirut zu kaufen. Das sind 1000 Dollar Reingewinn für wenige Tage, den Spaß mit Gleichgesinnten zusammen zu sein nicht mitgerechnet. Schneller kann man Geld legal nicht verdienen. Aber auch bei den Männern sieht es lau aus. Zwar sind die ersten beiden Plätze durch Edward und Vico mehr oder weniger schon abonniert, doch auch der Dritte erhielt noch 100 + 500 Dollar. Finanziell für mich also immer noch ein Nullrundenspiel mit viel Freude. Ich wäre natürlich auch ohne eine Chance auf den dritten Platz gekommen. Von den direkt Angesprochenen meinen viele, Beirut sei zu unsicher. Das ist erstens falsch und zweitens ein Einknicken vor islamischem Fundamentalismus bzw. Terrorismus, mit dem wir in Beirut überhaupt nicht konfrontiert wurden. Edward ist nicht nur ein ausgesprochen guter Gastgeber, er ist auch verantwortungsbewusst. Würde er, der in dieser Stadt aufgewachsen ist, nur die geringste Gefahr für die Gäste sehen, wäre er ehrlich genug, von einem Kommen abzuraten. Beirut ist für unsere Augen keine schöne Stadt, aber allemal interessant. Im letzten Jahr, da mein Zeitplan großzügiger ausfiel, hatte uns George (wie gesagt, Edwards Bruder) durch die Bekaa-Ebene nach Baalbek gefahren. 5000 Jahre alte Tempel relativieren die eigene eingeschränkte Sichtweise.

Nächstes Jahr findet der Beirut-Marathon am 30. November statt.