04.Juni 2006 - Am Pfingstsonntag gab es in der Westschweiz ein bedeutendes Ereignis für den Handbikesport. Zum achten mal richteten Monique und Serge Meystre die Tour Lac Léman aus, eine Strecke über 177 Kilometer rund um den Genfer See, der in dem französisch sprechenden Teil der Schweiz nur unter dem Begriff Lac Léman bekannt ist. Die Streckenlänge ist schon für viele unvorstellbar und bei den bisher erreichten Zeiten ist man fassungslos. 5 Stunden 26 Minuten 20 Sekunden benötige Hans Mayrhofer 2002 bei der Umrundung.. Auch im Jahr 2004, als von der Organisation European Handbike Cirquit, dem Rennen der Titel Weltmeisterschaft zugeordnet wurde, benötigte der Sieger 5 Stunden 27 Minuten 59 Sekunden. So unglaublich diese Leistungen aus der Vergangenheit klingen, es gab 2006 3 Sportler mit einer klaren Vorgabe: Neue Rekordzeit. Das Team SOPUR hatte mit Heinz Frei und Errol Marklein Sportler am Start, denen es an Siegen nicht gerade mangelt und die immer wieder Ziele mit konsequenter Vorbereitung in Erfolge umgesetzt haben. Zu diesem Team SOPUR gehört auch Bernd Ziegler, ein Fußgänger, der in den letzten Jahren mit dem Kniebike hervorragende Zeiten bei Marathon Veranstaltungen erreichte. Am Samstag Abend vor dem Rennen gab es im Hotel Mövenpick wichtige Informationen für die Teilnehmer und mit Heribert Ferring einen neuen Namen, der für den Sieg in Frage kommen konnte. Mit dabei sein Trainingspartner Peter Lorkowski, der luxemburgische Meister.
Die große Überraschung, das Handbikerennen findet im Rahmen einer Radveranstaltung statt, zu der 1200 Anmeldungen vorlagen. Jedem Handbiker wurden Rad- und Motorrad- fahrer als Begleitung zugeordnet und dann war da noch die Rede von Einhaltung der Verkehrsvorschriften. Den Handbikern war etwas anderes viel wichtiger: Es wird kein Windschatten von Radfahrern genommen, denn wenn Rekord, dann aber richtig.
Lausanne hatte die Gäste am Samstag mit Sonnenschein empfangen, aber dazu heftige Winde. Für den Start der vielen Radfahrer am Sonntag Morgen stand ein Zeitfenster von 6.30 bis 7.30 zur Verfügung. Die 10 Handbiker gingen genau um 7.00 auf die Strecke. Heribert Ferring und Peter Lorkowski hatten sich den 3 SOPUR-Athleten angeschlossen und konnten bei dem schnellen Anfangstempo mithalten. Bernd Ziegler zeigte sich immer wieder vorne und flog förmlich mit seinen Teammitgliedern über das leicht wellige Profil. Die schneebedeckten Berge und die Südseite des Sees lagen schon im Sonnenlicht, da hatte diese schnelle Truppe die schattigen Häuserschluchten von Montreux bereits passiert.
Alles lief nach Plan, die neue Bestzeit fest im Blick. Die Begleitmotorräder immer weit voraus und man staune, zogen die Rollstuhlathleten sehr bald eine Troß von 50 Radfahrern hinter sich her. Ein tolles Bild bei Kilometer 40, die bunten Trikots im Sonnenlicht, die weißen Berge als Kulisse und der ruhig liegende See im Hintergrund. Nur Peter war nicht mehr dabei, die letzten 120 Kilometer allein auf dem Weg zum Ziel und einer Zeit von 5 Std. 59 Min., Respekt.
Als 4-Bande wurde Evian erreicht, die Stadt mit dem bekannt guten Wasser. Verpflegungs- stände an der Strecke gab es genug, aber wer hat schon Zeit zu halten, voller Hoffnung auf dem Weg zur neuen Bestzeit. Mit Uma Marklein`s Fahrradanhänger an einen Motorroller montiert wurden Ersatzräder transportiert und Trinkflaschen immer wieder in Greifweite der SOPUR-BIKER gebracht. Mit diesem Gespann kämpfte sich SOPUR Begleitfahrer Peter Rothenbacher aus Stuttgart immer wieder durch die anderen Begleitfahrzeuge und die Massen von Radfahrern. Nur einmal stoppte ihn die Polizei in Frankreich mit diesem seltsamen Gefährt. Fragen auf französisch, Antworten auf schwäbisch und sofort ging es für Peter weiter. Könnten sich Europäer doch immer so gut verstehen!
Die Bilder am Straßenrand hatten sich geändert. Keine engen Ortsdurchfahrten mehr, dafür breite Boulevards, Parks und Nobelherbergen. Doch wer hatte schon Zeit für Sight Seeing? Nach einer 180 Grad Kehre führte die Straße direkt in den Himmel, lang und knackig. Dieser Streckenteil war neu, eine Qual für die Radfahrer, doch die Handbiker waren wieder vorne weg. Nur Bernd hatte es erwischt, er konnte die Lücke nicht mehr schließen. Die letzten 90 Kilometer allein gegen den Wind, und nach 5 Stunden 51 Minuten im Ziel. Alle Achtung.
Zwei mal SOPUR, in Person Frei und Marklein, gegen oder doch mit Heribert Ferring.
Für Heinz Frei beginnt die Alleinfahrt bei Kilometer 120, denn Ferring und Marklein ziehen auf und davon und erreichen Genf. Diese Stadt zeigt sich von ganz besonders schönen Seiten: Das Sonnenlicht, der See, die Architektur, Strassencafes und Restaurants, aber das Rennen ist noch nicht zu Ende. Gab es in Lausanne und Montreux bei blinkenden Ampeln die freie Fahrt für Sportler, gesichert durch die Polizei, waren in Genf hohe Aufmerksamkeit und Rücksicht im Straßenverkehr gefordert.
Heribert Ferring, als C-Fahrer im Kniebike mit leichten Vorteilen wenn es hoch geht, Errol Marklein, in dem von ihm konstruierten Shark Liegebike, mit der besseren Topspeed auf den Geraden, kämpfen um den Sieg. Beide wissen, wir können eine neue Bestzeit nur schaffen, wenn wir zusammen arbeiten. Das wellige Profil, der Gegenwind, Handbiken an der absoluten Leistungsgrenze. Den Rekord in Reichweite fährt Marklein auf den letzten 50 Kilometer den Großteil vorn und Vorteil Marklein auf der Zielgeraden. Keine Attacke mehr von Heribert Ferring im Zielkanal, ein großer Sportsmann, ein Vorbild für viele in der Handbikeszene. Eine ganz besonders imponierende Leistung. Neue Rekord: 5 Stunden 22 Minuten 24 Sekunden, eine Verbesserung von fast 4 Minuten. Der Mont Blanc, Europas höchster Berg, in Sichtweite, könnte sich Errol Marklein auf dem Gipfel des Erfolges fühlen, wäre da nicht in 2 Wochen das Rennen von Trondheim nach Oslo über 540 Kilometer Non Stop. Ein Wimpernschlag hinter Marklein: Heribert Ferring. Tiefe Verbeugung vor dieser Leistung. Die haben auch die 8 Handbiker verdient, die nach diesen beiden das Ziele erreichten.
Höchste Anerkennung auch für Monique und Serge Meystre, die es mit ihrem Team geschafft haben, ein Handbikerennen der Extraklasse zu organisieren und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Es ist ein besonderer Charme, den diese Veranstaltung ausstrahlt, nicht zu vergleichen mit der Hektik eines Citymarathons, der die Teilnehmer durch Massen von Zuschauern führt, vorbei an Musikgruppen mit Sambarythmen. Tour Lac Léman 2006, ein Rennen mit Handbikern und Radfahrern in einer großartigen Kultur- und Naturlandschaft, gepaart mit der schweizerischen Ruhe und einer sehr persönlichen Atmosphäre hat bestimmt auch 2007 wieder gutes Wetter.......
(Aber in Genf halte ich an und trinke Kaffee. Der Setzer)